Glaubenskämpfer auf dem Vormarsch? Demonstration von Islamisten in der pakistanischen Haupstadt Islamabad

Glaubenskämpfer auf dem Vormarsch? Demonstration von Islamisten in der pakistanischen Haupstadt Islamabad

Wie geht es eigentlich dem Terrorismus? Gar nicht so gut, meldet eine neue Studie der kanadischen Simon-Fraser-Universität, und der sorgfältig untermauerte Nachweis könnte, welch Ironie, Hardliner wie Liberale erfreuen. Die Staatsschützer, weil der global war on terror offensichtlich Früchte trägt, und die Bürgerrechtler, weil diese 56 Seiten unaufgeregte Argumente gegen die anschwellende Flut der Sicherheitsgesetze liefern.

Ja, aber der islamistische Terror wächst doch, oder? Im Westen schon mal nicht, nicht seit der monströsen Attacke in London 2005; diesen Punkt können die Staatsschützer für sich verbuchen und dabei auf ihre weltweit vernetzte Polizei- und Geheimdienstarbeit verweisen, die so manchen Anschlag vereitelt hat. Und anderswo? Der schärfste Anstieg wurde in Mittelost, und zwar seit der Invasion des Iraks, gemessen. Das Jahr 2006 war das schlimmste, mit 13.343 Terror-Toten im Zweistromland; das waren, je nach Datensatz, 64 oder gar 79 Prozent der weltweiten Opfer.

Doch dann die dramatische Wende von 2007: ein Absturz von fast 70 Prozent bis Jahresende. Auch hier dürfen die Anti-Terror-Krieger sich rühmen. Ein kritischer Faktor war der surge , die Verstärkung der US-Truppe im Irak, der zweite die neue Offensiv-Strategie unter General Petraeus, die erstmals dem Bevölkerungsschutz den Vorrang gab. Der dritte war die segensreiche Umkehr der Politik – das Ende der gnadenlosen »Entbaathifizierung« und Ausgrenzung der Sunni-Minderheit, die unter Saddam der Schia-Mehrheit das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Was Wunder, dass den Sunnis im Überlebenskampf jeder Verbündete recht war, auch die Terror-Brigaden der »Al-Qaida im Irak« (AQI). Nur: Plötzlich bot sich Amerika als Schutzherr der Verdammten an, der sich auch mit der Mahdi-Armee der Schiiten anlegte. Warum Terror, wenn die Amerikaner mit Sicherheit, Jobs und Pensionen lockten? Das war der Anfang vom Ende der Sunni-AQI-Allianz.

Doch der vierte, vielleicht entscheidende Faktor war der Terror als des Terrors schlimmster Feind. AQI, diese fremdbestimmte Sunni-Truppe, folterte und ermordete inzwischen nicht nur »abtrünnige« Schiiten, sondern auch die eigenen Leute. 2007 kam die Quittung. In einer Umfrage nannten 100 (!) Prozent – Schiiten wie Sunniten – den Terror gegen Zivilisten »unannehmbar«; 97 Prozent stellten sich gegen die importierten Killer. Desgleichen in Afghanistan, wo nur ein Prozent die Dschihadisten unterstützte.

Porträt

Josef Joffe

Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)

Fazit der Studie: Je mehr Terror, desto weniger Sympathisanten – »dieses Muster wiederholt sich in einem muslimischen Land nach dem anderen«. Und die Geschichte zeige, so die Autoren, dass »Terror-Kampagnen, die den Rückhalt im Volk verlieren, früher oder später aufgegeben oder bezwungen werden«.

Unsere Staatsschützer sollten die Simon-Fraser-Studie lesen, weil sie zu weniger Angst und mehr Zuversicht rät. Und zwischen den Zeilen zu weniger Schaffenslust beim Austüfteln immer neuer Sicherheitsgesetze und Überwachungsapparate.