Fall Seebach: Was die Schülerin aussagte
12. November 2007, 21:42 Von Stefan HohlerSchilderungen des 13-jährigen Opfers zeigen, dass unter den Burschen möglicherweise auch Formen von Gewalt zum Zug kamen, die strafrechtlich kaum erfassbar sind.
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Zürich. - Kaum eine Vergewaltigung hat in der Öffentlichkeit so hohe Wellen geworfen wie der Fall Seebach im November 2006. Doch vom Vorwurf der «Massenvergewaltigung», wie in den Medien zu lesen war, wird juristisch wohl wenig übrig bleiben. Laut Aussagen von Anwälten der zwölf damals Verhafteten werden voraussichtlich zwei vor Gericht kommen: Der damals knapp 16-jährige Hauptangeklagte L. wegen Vergewaltigung und der 18-jährige M. wegen Sex mit einer Minderjährigen.
Was passierte eigentlich an jenem Wochenende? Eine Antwort liefert das 40-seitige Protokoll der polizeilichen Befragung des damals 13-jährigen Opfers, in das der «Tages-Anzeiger» Einblick hatte. Es zeichnet das rund einstündige Gespräch einer Spezialistin der Kinderschutzgruppe der Stadtpolizei mit der Schülerin nach. Die Befragung fand am 15. November statt, drei Tage nach den Geschehnissen.
Das Vernehmungsprotokoll macht die Schwierigkeiten deutlich, die Untersuchungsbehörden in Fällen von sexuellen Übergriffen häufig haben. Es stellt sich die Frage: Gibt es strafrechtlich genügend Anhaltspunkte für eine Anklage?
Zuerst schilderte das Mädchen der Polizistin, wie sie L. - ihren Ex-Freund und heutigen Hauptangeschuldigten - kennen lernte. Er habe sie vor den Herbstferien via SMS gefragt, ob sie mit ihm gehen wolle. Den Kontakt habe ein gemeinsamer Kollege vermittelt. Das Mädchen sagte L. zu. Dann habe man sich ab den Herbstferien ungefähr einmal pro Woche gesehen. Sie hätten auch Sex gehabt, freiwillig, wie die 13-Jährige sagte. Aber einmal sei sie von L. auch vergewaltigt worden.
Eine Woche nach diesem Vorfall, am Wochenende des 11./12. November, habe L. sie am Samstag angerufen und gesagt, sie solle zur Wohnung von M. kommen. Andernfalls würde er sie schlagen. Sie sei dann zu M. gegangen. Den damals gerade 18-jährigen M. kannte sie, er war vor L. kurz ihr Freund gewesen. M.s Eltern waren abwesend. Es seien dort noch vier oder fünf andere Burschen gewesen.
Es ging um ein iPod-Kabel
Das Protokoll zeigt die merkwürdige Rolle auf, die ein iPod-Kabel in der ganzen Geschichte spielte. Das Kabel gehörte der Schwester des Opfers. Zum Zeitpunkt der Geschehnisse hatte es L. ausgeliehen. Die 13-Jährige sagte in der Einvernahme, sie sei vor allem darum in die Wohnung von M. gegangen, weil sie hoffte, L. würde ihr dort endlich das iPod-Kabel zurückgeben. Offensichtlich hielt L. das Kabel als Lockmittel zurück. Es zurückzuerhalten, muss für das Opfer äusserst wichtig gewesen sein. Als am Ende der Einvernahme die Polizistin fragte, ob das mit dem Kabel ihr mehr zu schaffen machte als die Vergewaltigung selber, lautete die Antwort «Ja».
In der Wohnung dachte L. offenbar nicht daran, ihr das Kabel zurückzugeben. Er habe gesagt, dass er «sie ficken wolle», erzählte die 13-Jährige der Polizei. Sie habe sich geweigert, doch er habe gedroht, sie zu schlagen und ihrer Mutter zu sagen, dass sie bereits miteinander geschlafen hätten. Nach dem Sex, so die Aussage des Mädchens, wäre sie «am liebsten tot» gewesen. Nach L. seien die anderen Burschen gekommen, «etwa drei oder so». Erkannt habe sie nur L. und einen weiteren, weil es dunkel gewesen sei. Das Ganze habe rund eine halbe Stunde gedauert. Sie habe zu den anderen gesagt, dass sie aufhören sollten und dass sie nach Hause wolle. Dass die anderen mit ihr Sex gehabt hätten, sei eine Rache- und Strafaktion von L. gewesen. Er habe es den Burschen befohlen, weil sie kürzlich an einer Party gegen L.s Willen nach Hause gegangen war. L. sei damals «besoffen» gewesen.
Nachdem das Opfer am Samstag das Kabel dann doch nicht erhalten hatte, wiederholte sich am Sonntag das Ganze. L. rief sie an und sagte, er gebe es ihr an diesem Tag wirklich. Man habe sich wieder in der Wohnung von M. getroffen. Es seien rund zehn Personen in der Wohnung gewesen. Das Mädchen berichtete von ähnlichen Übergriffen wie am Tag zuvor. Auch an diesem Tag habe sie das Kabel nicht erhalten, sagte sie aus.
Widersprüchliche Aussagen
Am Montagmorgen passierte das, was das Mädchen laut Protokoll am meisten fürchtete: Im Schulhaus Buhnrain in Seebach wurde getuschelt, sie treibe es mit allen. Eine Freundin, der das Mädchen von den Vorfällen erzählte, wandte sich an die Schulsozialarbeiterin, und die Polizei wurde informiert. Auf die Frage der Polizistin, was das Passierte für sie bedeute, sagte das Mädchen, dass ihr das eigentlich herzlich egal sei. Am meisten habe es sie gestört, dass in der Schule über sie gesprochen worden sei. Ein solches Verhalten ist laut Fachleuten nicht ungewöhnlich. Zweimal sagte die 13-Jährige, dass sie bei der Vergewaltigung am Samstag am liebsten tot gewesen wäre, kurze Zeit später beschrieb sie in der Befragung die Vorfälle vom Wochenende lachend als ein schlechtes Erlebnis, das nicht gerade lustig gewesen sei. Auf die Bemerkung der Polizistin, dass man Aussagen habe, dass Ähnliches schon früher einmal passiert sei, antwortete sie, das sei freiwillig gewesen.
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