Autorin Perihan Magden

Alles an mir ist Istanbul

Von Karen Krüger

Sie schmeißt ihre Ansichten wie Rauchbomben in die türkische Öffentlichkeit, ...

Sie schmeißt ihre Ansichten wie Rauchbomben in die türkische Öffentlichkeit, und allen tränen die Augen: Perihan Magden

03. Oktober 2008 Frauen. Die Zeichnungen an den Wänden zeigen vor allem Frauen. Besonders eine Frau ist immer wieder auf den Bildern zu sehen: schmale Augen, lange Nase, ein trotzig-ernster Mund, wie dafür geschaffen, giftige Worte so leicht und schnell wie Melonenkerne auszuspucken. Jeder Satz von Perihan Magden ist scharf wie ein Fallbeil, sagt man über die Schriftstellerin in der Türkei.

Perihan Magden provoziert, verstört. Sie schmeißt ihre Ansichten wie Rauchbomben in die türkische Öffentlichkeit, dass allen die Augen tränen. Wenn sich der Nebel verzogen hat, sieht man klarer, auch wenn es schmerzt. Brillant, hat Orhan Pamuk ihre Einwürfe zu Themen, über die sich alle Gedanken machen, aber dennoch darüber schweigen, genannt. Perihan Magden wird dafür geliebt. Und verfolgt. Sie gilt als eine der interessantesten zeitgenössischen Autorinnen der Türkei. Ihre Bücher erobern regelmäßig die ersten Ränge der türkischen Bestsellerlisten. Ihr Roman „Zwei Mädchen: Istanbul Story“ ist in diesem Sommer bei Suhrkamp auf deutsch erschienen.

Der Raum ist mit einem Mal voll

Draußen bellt ein Hund und wird von einer lauten Stimme zum Schweigen gebracht. „Hat Sie das Bellen erschreckt? Warten Sie schon lange? Dieses Ikea! Diese Schlangen an der Kasse! Es tut mir furchtbar leid!“, schrillt es durch den Raum. Perihan Magden kommt durch die Tür ins Wohnzimmer gestürmt, an ihren Beinen japst begeistert ein Hund, sie schiebt ihn mit dem Knie zur Seite. Diese laute, quäkende Stimme, dieser energische Blick, diese zierliche Frau. In Flipflops, schwarzer Hose und Bluse, beladen mit Einkaufstüten; ein kleiner Körper, zu dem diese Stimme gar nicht passen mag – wohl aber zu Perihan Magdens Präsenz.

Die Wände des großzügigen Wohnzimmers scheinen zusammenzurücken, die Bilder und Zeichnungen erblassen, der Raum ist mit einem Mal voll. Hinter der Schriftstellerin tritt ein schmales Mädchen mit langen blonden Haaren durch die Tür – Melek, Perihan Magdens Tochter. „Guten Tag“, sagt sie und schüttelt dem Gast höflich die Hand. Auf deutsch bedeutet Melek Engel. Leichtfüßig schwebt das Mädchen wieder davon, wird von den Tiefen dieses alten Holzhauses im Istanbuler Stadtteil Arnavutköy verschluckt, in dem Perihan Magden und ihre Tochter wohnen.

Verbalattacken in schnell abgefeuerten Salven

„Meine Mutter hat das Haus vor zwanzig Jahren gekauft, wir haben es jahrelang renoviert“, sagt Perihan Magden, wirft sich auf das Sofa, dass das Leder laut quietscht. Sie lächelt freundlich, dann schießt sie los.

Nach zwei Tagen hat sie ihre Leibwächter wieder weggeschickt

Nach zwei Tagen hat sie ihre Leibwächter wieder weggeschickt

Eine Salve nach der anderen donnert nieder, verbale, schnell abgefeuerte Tornados gegen das türkische Schulsystem („kemalistische Gehirnwäsche“), gegen den türkischen Schönheitskult („schöne Frauen sind hier nur ein Stück Fleisch“), gegen die türkischen Machos („lassen Melek nicht in Ruhe, ziehen sie mit ihren Augen aus“) und gegen die reformbedürftige, türkische Verfassung: „Sie ist wie ein Kleid, gemacht für ein Kind. Nun ist aus dem Kind aber ein Teenager geworden, die Hosenbeine sind zu kurz, die Ärmel zu schmal, der Kragen zu klein. Statt dem Kind ein neues Kleid zu schneidern, nähen die Eltern einfach neue Knöpfe dran, ändern ein bisschen die Farbe und müssen immer wieder stopfen, weil der Stoff natürlich trotzdem reißt.“

Die Leibwächter schickte sie nach zwei Tagen wieder weg

Perihan Magden und die Türkei, das ist eine Hassliebe. Perihan Magden ist unbequem, eine Geißel für Kriegstreiber und Generäle, für selbstherrliche Staatsanwälte und verbohrte Nationalisten, auf die sie immer wieder in ihren Büchern und auch in ihrer Kolumne in der linksliberalen Zeitung „Radikal“ eindrischt, die Pflichtlektüre der türkischen Intellektuellen. Ein gutes Dutzend Gerichtsverfahren hat die Schriftstellerin derzeit am Hals, die meisten sind politischer Natur. Nein, unter dem berüchtigten Artikel 301, der die Beleidigung der türkischen Nation unter Strafe stellt, sei sie noch nie angeklagt worden. „Dafür ziehe ich über alles andere in diesem Land her“, sagt Perihan Magden und kichert.

Seit vielen Jahren lebt sie im Stadtteil Arnavutköy: “Meine Nachbarn machen m...

Seit vielen Jahren lebt sie im Stadtteil Arnavutköy: "Meine Nachbarn machen mir keine Schwierigkeiten - das Problem hier ist der Staat im Staat“

Als sie vor drei Jahren in einer Kolumne das Recht auf Kriegsdienstverweigerung forderte, wurde sie der „Entfremdung des Volkes vom Militär“ beschuldigt. Wie bei den Verhandlungen gegen Orhan Pamuk und den später ermordeten Journalisten Hrant Dink stürmte der Mob das Gericht. „Das hatte ich nicht erwartet. Ich dachte, diese Faschisten interessieren sich nur für die Armenierfrage“, sagt Perihan Magden. „PKK-Hure“ schimpfte man sie. Perihan Magden springt auf und malt mit dem Finger einen winzigen Halbkreis in die Luft, um zu zeigen, wie nah ihr die schreienden Menschen im Gericht kamen. Die Polizei sah einfach zu. Die Leibwächter, die ihr die Regierung später vor die Haustür stellte, schickte Perihan Magden nach zwei Tagen wieder weg. „Sie erinnerten mich ständig daran, dass es Leute gibt, die mich hier nicht haben wollen. Meine Nachbarn in Arnavutköy machen mir keine Schwierigkeiten. Das Problem hier ist der Staat im Staat.“

Nationalität Istanbulerin

„Dorf der Intellektuellen“ nennen manche Istanbuler den Stadtteil Arnavutköy spöttisch. Schriftsteller und Künstler wohnen hier neben Taxifahrern, Krämern und alteingesessenen Handwerkern. Unten am Bosporus bohrt sich das Minarett einer Moschee in den Himmel, zwei Straßen weiter stemmt eine griechisch-orthodoxe Kirche ihre steinerne Kuppel wie zum Trotz über das Dächermeer, auf der Straße spielen Kinder. Arnavutköy ist ein Guckkasten, wie Istanbul vielleicht einmal gewesen ist, aber zum Kummer der städtischen Intelligenzija längst nicht mehr existiert.

Fragt man Perihan Magden nach ihrer Nationalität, dann antwortet sie: „Istanbulerin. Alles an mir ist Istanbul. Wie ich sitze, wie ich spreche, wie ich lache.“ Ihre Großmutter wuchs am Bosporus auf, ebenso ihre Mutter – genauso wie Perihan Magden alleinerziehend, damals in den siebziger Jahren war das ein Skandal. Immer wieder hat Magden alleinerziehende Mütter zu den Protagonistinnen ihrer Romane gemacht, zu Heldinnen, die für ihre Kinder auch töten. Und wie in ihrem Buch „Zwei Mädchen: Istanbul Story“, kreisen die Geschichten um ihre geliebte Stadt. Der atemlose Roman erzählt von einer zerstörerischen Teenagerfreundschaft. Die eine, Handan, ist wunderschön und Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die ihr Leben als Mätresse reicher Männer verdient. Die andere, Behiye, ist voller Hass auf ihren nationalistischen Bruder und auf die türkische Gesellschaft, in der Frauen den sozialen Aufstieg nur selten durch Intelligenz, sondern meist aufgrund ihres Aussehens schaffen.

Rachegelüste gegen die Machogesellschaft

„Schriftsteller kennen nicht viele Menschen. Also projizieren sie ihre Gedanken auf die Figuren ihrer Bücher. Vielleicht habe ich mich mit Behiye identifiziert. Ihre Rachegelüste gegen diese Machogesellschaft, gegen die kemalistische Gehirnwäsche kann ich gut verstehen“, sagt Perihan Magden. Wie will sie ihre Tochter vor all dem schützen? „Zum Beispiel, indem ich sie nach den Sommerferien auf ein internationales Gymnasium schicke. Melek hat sich nie beschwert, aber ich bin mir sicher, dass sie in der Schule gepiesackt wurde, weil ich kritisch über die Türkei schreibe. Sie hatte wahrscheinlich Angst, dass ich komme und eine Szene mache.“

Perihan Magden legt die Stirn in Falten. Und lächelt. „ Das hätte ich sogar gemacht. Ich bin sehr dominant.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Agata Skowronek